Die Rechnung zahlen wieder einmal die Patienten
Österreichs Gesundheitssystem steckt in einer immer tieferen Krise. Längere Wartezeiten, überlastete Ärzte, fehlendes Pflegepersonal und Schwierigkeiten, überhaupt noch einen Kassenarzt zu finden, sind längst keine Einzelfälle mehr. Doch statt die bestehenden Probleme endlich zu lösen, scheint die Bundesregierung neue Belastungen für jene vorzubereiten, die ohnehin schon genug bezahlen.
Ein Strategiepapier der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) lässt aufhorchen: Selbstbehalte für Arztbesuche und die Streichung der Kostenrückerstattung für Wahlärzte stehen im Raum. Das klingt nach Sparprogramm, könnte sich für die Versicherten aber als teures Eigentor erweisen.
Denn wer heute monatelang auf einen Kassenarzttermin warten muss, weicht häufig auf einen Wahlarzt aus. Dafür bezahlt er zunächst selbst und erhält zumindest einen Teil der Kosten zurück. Soll diese Möglichkeit gestrichen werden, verschwindet damit keineswegs der Bedarf an medizinischer Versorgung. Lediglich die Rechnung bleibt stärker am Patienten hängen.
Gleichzeitig sollen zusätzliche Kassenarztstellen die Versorgung verbessern. Doch neue Stellen auf dem Papier sind noch lange keine Garantie für mehr verfügbare Arzttermine. Wenn die Finanzierung nicht ausreicht, bestehende Leistungen wegfallen und die Versorgungslücken bestehen bleiben, wird aus einer groß angekündigten Reform schnell eine Mogelpackung.
Besonders bemerkenswert ist die Rechnung hinter diesem Vorhaben. Wenn ein Teil der bisher erbrachten medizinischen Leistungen künftig nicht mehr finanziert wird, entsteht dadurch keine bessere Versorgung. Es entsteht eine Versorgungslücke. Diese lässt sich auch mit noch so wohlklingenden Pressekonferenzen und politischen Erfolgsmeldungen nicht wegzaubern.
Noch absurder wird es bei den geplanten Selbstbehalten für jeden Arztbesuch. Wer ohnehin jeden Euro zweimal umdrehen muss, wird sich künftig möglicherweise überlegen, ob er wegen seiner Beschwerden tatsächlich zum Arzt geht. Der Arztbesuch wird dann nicht mehr allein von der medizinischen Notwendigkeit bestimmt, sondern zunehmend vom Kontostand.
Das Ergebnis könnte vorhersehbarer kaum sein: Patienten verschieben Untersuchungen, lassen Beschwerden unbehandelt und suchen erst dann Hilfe, wenn sich ihr Zustand verschlechtert hat. Was heute in einer Ordination behandelt werden könnte, landet morgen womöglich als dringender Fall im Krankenhaus.
Und dort sollen die Patienten dann ohne Selbstbehalt versorgt werden, während die Spitalsambulanzen ohnehin schon vielfach überlastet sind. Man muss kein Gesundheitsexperte sein, um den Widerspruch zu erkennen. Außerhalb der Krankenhäuser wird der Zugang erschwert, während innerhalb der Spitäler zusätzliche Belastungen drohen. So sieht keine durchdachte Gesundheitspolitik aus, sondern ein Verschieben der Probleme von einer Stelle zur nächsten.
Die geplanten Maßnahmen stehen zudem nicht isoliert im Raum. Bereits beschlossene Belastungen treffen Pensionisten und andere Versicherte, während Einschränkungen bei Krankentransporten und Kuren, höhere Selbstbehalte beim Zahnersatz sowie Verschlechterungen bei Zahnspangen für zusätzlichen Unmut sorgen.
Offenbar wird das Sparen im Gesundheitswesen zunehmend mit dem Prinzip verwechselt, möglichst viele Kosten auf die Betroffenen abzuwälzen. Der Versicherte darf Beiträge zahlen, soll im Krankheitsfall möglichst wenig beanspruchen und am besten auch noch Verständnis dafür aufbringen, wenn die versprochene Leistung nicht mehr verfügbar ist.
Besonders fragwürdig ist dabei das politische Versprechen, die niedergelassene Versorgung stärken zu wollen. Wo bleiben die zusätzlichen Kassenarztstellen, die den Menschen tatsächlich helfen würden? Wer eine Ordination auf dem Land übernehmen soll, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen immer schwieriger gestalten, bleibt eine offene Frage.
Während neue Versorgungsmodelle gefördert werden, geraten klassische Einzelordinationen zunehmend unter Druck. Primärversorgungszentren können durchaus eine sinnvolle Ergänzung sein. Sie sind aber kein Allheilmittel und schon gar kein Ersatz für jede Hausarztpraxis in den Gemeinden. Gerade am Land kann der Verlust einer einzigen Ordination für viele Menschen einen erheblichen Einschnitt bedeuten.
Schon heute bleiben zahlreiche Kassenstellen unbesetzt. Werden die Arbeitsbedingungen nicht attraktiver und die Versorgung nicht verlässlich organisiert, droht sich dieses Problem weiter zu verschärfen. Dann können noch so viele zusätzliche Planstellen angekündigt werden: Ohne Ärzte, die sie besetzen, bleiben sie bloße Zahlen in einer politischen Präsentation.
Die Bundesregierung steht damit vor einer einfachen, aber entscheidenden Frage: Will sie ein Gesundheitssystem, in dem medizinische Hilfe nach Bedarf organisiert wird, oder eines, in dem immer häufiger die Zahlungsfähigkeit darüber entscheidet, wann und wo ein Patient behandelt wird?
Denn eine Zwei-Klassen-Medizin entsteht nicht erst dann, wenn jemand offen erklärt, dass sich bessere Versorgung nur noch leisten können soll, wer genügend Geld besitzt. Sie entsteht schrittweise – durch lange Wartezeiten, fehlende Kassenärzte, gestrichene Rückerstattungen und zusätzliche Gebühren.
Wer es sich leisten kann, sucht weiterhin private Hilfe. Wer es sich nicht leisten kann, wartet, verzichtet oder landet im überlasteten Spital. Das ist keine bloße theoretische Gefahr, sondern die absehbare Konsequenz einer Politik, die den Zugang zur medizinischen Versorgung erschwert.
Ein funktionierendes Gesundheitssystem muss rechtzeitig helfen, statt Krankheit durch finanzielle Hürden noch komplizierter zu machen. Es braucht ausreichend Ärzte, attraktive Arbeitsbedingungen, verlässliche Finanzierung und einen vernünftigen Umgang mit den Beiträgen der Versicherten.
Was es ganz sicher nicht braucht, sind neue Belastungen, die auf dem Papier Einsparungen versprechen, in der Praxis aber neue Probleme schaffen. Wenn am Ende weniger Leistungen finanziert werden, Patienten häufiger selbst zahlen müssen und die Spitäler noch stärker belastet werden, ist das keine Reform. Es ist ein Rückschritt mit Ansage.
Die bittere Pointe: Die Versicherten zahlen ihre Beiträge, die Politik verspricht Verbesserungen – und wenn das System trotzdem nicht funktioniert, sollen ausgerechnet die Patienten nochmals zur Kasse gebeten werden.
So wird aus dem solidarischen Gesundheitssystem Schritt für Schritt ein Modell, in dem Krankheit nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell zum Risiko wird. Und während die Verantwortlichen von Reformen sprechen, stellt sich für immer mehr Menschen eine ganz andere Frage: Kann ich mir den nächsten Arztbesuch überhaupt noch leisten?
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