Vom Kassenwart zum vermeintlichen Hoffnungsträger
Manchmal reicht in der österreichischen Politik offenbar schon ein bevorstehender Personalwechsel, um aus einem Finanzminister einen politischen Erlöser zu machen. Markus Marterbauer, seines Zeichens oberster Säckelwart der Republik, wird von Teilen der Medien bereits als Hoffnungsträger und möglicher Retter der SPÖ gefeiert. Bleibt nur die Frage: Wovor genau soll er uns eigentlich retten? Vor den Folgen seiner eigenen Politik?
Denn die bisherige Bilanz des SPÖ-Finanzministers liest sich für Otto Normalverbraucher keineswegs wie ein sozialdemokratisches Märchen mit Happy End. Wer geglaubt hat, eine SPÖ in Regierungsverantwortung würde vor allem die kleinen Leute entlasten, darf sich inzwischen mit der Realität vertraut machen. Und die ist bekanntlich ein wenig teurer als das Wahlprogramm.
Unter Marterbauers Verantwortung wurden unter anderem die motorbezogene Versicherungssteuer auf Elektroautos ausgeweitet, die Tabaksteuer erhöht und die Wettgebühren angehoben. Dazu kommt die Nichtanpassung von Familienbeihilfe und weiteren Familienleistungen an die Inflation – auch für 2027 und 2028. Was technisch nach einer budgetpolitischen Maßnahme klingt, bedeutet für die Betroffenen einen ganz simplen Vorgang: Das Geld reicht für immer weniger, während der Staat weiterhin die Hand aufhält.
Auch zusätzliche Belastungen bei Abgaben und Beiträgen für bestimmte Geringverdiener stehen in der Kritik. Und dann wäre da noch die sogenannte Paketsteuer, mit der weitere Einnahmen erschlossen werden sollen. Offenbar ist die Fantasie bei der Suche nach neuen Belastungen wesentlich größer als bei der Suche nach Möglichkeiten, den Bürgern mehr von ihrem verdienten Geld zu lassen.
Das politische Kunststück besteht dabei darin, solche Maßnahmen als notwendige Sanierung des Budgets zu verkaufen und sich gleichzeitig das soziale Gewissen auf die Fahnen zu schreiben. Man muss es erst einmal schaffen, den Menschen tiefer in die Tasche zu greifen und dabei weiterhin den Anspruch zu erheben, ihre Interessen zu vertreten.
Nun soll ausgerechnet dieser Finanzminister den glücklosen SPÖ-Parteichef Andreas Babler beerben. Jenen Mann, der sich in seinen Funktionen als Parteivorsitzender und Vizekanzler bislang fest eingerichtet hat und dessen politischer Kurs die Sozialdemokratie nicht gerade in ungeahnte Höhen geführt hat.
Marterbauer wird von manchen Medien bereits behandelt, als stünde der neue Messias vor der Tür. Dabei ist er keineswegs der politische Gegenentwurf zu Babler. Die beiden verbindet mehr als das Parteibuch: Sie stammen aus demselben ideologischen Lager. Der Unterschied liegt vor allem in ihrer öffentlichen Wirkung und ihrem politischen Auftreten. Und nicht zuletzt war es Babler selbst, der Marterbauer entdeckte und zum Finanzminister machte.
Wer nun erwartet, dass der Schützling plötzlich mit dem Kurs seines Förderers abrechnet, dürfte enttäuscht werden. Marterbauer hat bereits erkennen lassen, dass er an der bisherigen politischen Linie festhalten will. Als vorrangiges Ziel gilt ihm offenbar, einen Regierungseintritt der FPÖ zu verhindern. So jedenfalls wurde seine Position in der „Kronen Zeitung“ vom 14. Oktober 2026 dargestellt.
Man muss kein Anhänger der FPÖ sein, um eine andere Frage zu stellen: Wo bleibt eigentlich die politische Vision für jene Menschen, die sich jeden Monat fragen müssen, wie sie Miete, Lebensmittel, Energie und die ständig steigenden Belastungen bezahlen sollen? Die Verhinderung eines politischen Gegners ist noch kein Regierungsprogramm. Und wer seine politische Existenz hauptsächlich daraus ableitet, andere von der Macht fernhalten zu wollen, sollte irgendwann erklären, wofür er selbst diese Macht einsetzen möchte.
Doch die Personalrochade hat noch eine weitere Komponente: Marterbauers Gesundheitszustand. Ob und wann er Babler tatsächlich ablösen kann, soll auch davon abhängen, wie weit er sich von seiner Krebserkrankung erholt hat.
Eines vorweg: Eine Krebserkrankung ist kein politisches Argument, sondern eine schwere persönliche Belastung. Niemand wünscht einem Menschen eine solche Diagnose, und niemand sollte sich anmaßen, über den Verlauf einer Erkrankung zu urteilen. Aber ebenso wenig darf eine schwere Krankheit automatisch zum politischen Heiligenschein werden.
Genau hier beginnt die eigentliche Schieflage der öffentlichen Darstellung. Während über die mögliche Rückkehr Marterbauers in eine noch höhere politische Funktion berichtet und sein Schicksal mit verständlicher Anteilnahme begleitet wird, geraten jene Menschen aus dem Blickfeld, die mit einer Krebsdiagnose leben und gleichzeitig ihren Alltag bewältigen müssen.
In Österreich sind zahlreiche Menschen selbst an Krebs erkrankt oder müssen mit den Folgen einer früheren Erkrankung leben. Viele von ihnen können nicht einfach ihre beruflichen und finanziellen Verpflichtungen auf Eis legen. Sie kämpfen mit Therapien, Nebenwirkungen, Existenzängsten und Einkommensverlusten. Wer noch arbeiten kann, arbeitet häufig weiter. Nicht, weil die Gesellschaft ihnen dafür einen Orden verleiht, sondern weil Rechnungen keine Rücksicht auf Diagnosen nehmen.
Für diese Menschen gibt es keinen medialen roten Teppich, keine tägliche Debatte über ihre mögliche Rückkehr in eine Spitzenfunktion und schon gar keine politische Dramaturgie, in der sie als selbstlose Retter der Republik inszeniert werden. Sie müssen ihre Probleme meist ohne großes öffentliches Interesse bewältigen.
Warum also sollte ausgerechnet die mögliche politische Zukunft eines Finanzministers zum nationalen Drama stilisiert werden? Anteilnahme ist angebracht. Eine Erkrankung zu respektieren, ist selbstverständlich. Daraus eine politische Erzählung zu machen, in der ein Spitzenpolitiker beinahe als Märtyrer erscheint, ist hingegen eine andere Sache.
Wenn Markus Marterbauer gesundheitlich noch nicht in der Lage ist, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, dann ist das zu respektieren. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, eine politische Funktion nicht antreten zu können. Aber niemand muss deshalb zum selbstlosen Retter der Republik hochstilisiert werden.
Und falls die gesundheitlichen Voraussetzungen für eine Ablöse Bablers derzeit nicht gegeben sind, dann soll man das offen aussprechen und die Personalentscheidung vertagen. Politik ist kein Heiligenkalender, und ein Ministeramt keine Bühne für eine Erlösungsgeschichte.
Am Ende bleibt eine durchaus banale Frage: Was genau soll sich für die Bevölkerung ändern, wenn auf Babler Marterbauer folgt? Bleiben die Belastungen, bleibt der politische Kurs, bleibt die Absicht, vor allem den Machtanspruch der eigenen Partei zu verteidigen, dann wäre der große Personalwechsel vor allem eines: ein Austausch des Namens auf der Visitenkarte.
Der kleine Mann darf unterdessen weiter bezahlen. Für höhere Abgaben, für nicht ausgeglichene Kaufkraftverluste und für eine Politik, die ihm soziale Gerechtigkeit verspricht, während sie ihm gleichzeitig erklärt, warum er noch ein wenig mehr beitragen muss.
Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, weniger über den vermeintlichen Heilsbringer Marterbauer und mehr über seine politische Bilanz zu sprechen. Denn am Ende zählt nicht, wie viel Hoffnung ein Politiker in den Schlagzeilen erzeugt, sondern was von seinen Versprechen im Geldbörsel der Menschen übrig bleibt.
Und dort, wo das Geld immer knapper wird, wirken politische Heiligsprechungen ungefähr so hilfreich wie ein Erlass, der erst gar nicht beschlossen wird.
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